19 Grundsätze treten am 24. Mai 1949 in Kraft. Der ambitionierteste und wohl hellsichtigste ist Artikel 5 gewesen.

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten [...]

Ein Paragprah erdacht zu einem einzigen Zweck. Freiheit zu geben, Worte, Sätze, Gedanken und vor allem Wahrheiten zu fordern. Aber warum schweigen wir trotzdem?
Nicht, dass es an den wenigen Worten läge. Wir reden und reden und reden.  Schreiben tun wir auch. Das lässt sich nicht leugnen.

Aber trotzdem gibt es in diesem Land sehr viele Dinge die sich einem offenen und freiem Umgang entziehen. Ein Beispiel dazu:

Nationalsozialismus. Das war das geflügelte Wort in meiner Schulzeit, wie in denen der Jahrgänge vor mir und der Jahrgänge nach mir.
Mittlerweile, nach dem großen Schweigen der Nachkriegsjahre ist dieses Thema politisch angesagt, denn nichts ist gefährlicher als Schweigen. Aber manchmal kommen mir doch gewisse Zweifel an der Art und Weise wie dies passiert.

Nun meine Aufklärung über die deutsche Geschichte ist in der Schule folgendermaßen von statten gegangen. Irgendwann gegen Ende der vierten Klasse, Anfang der fünften wurde das Thema Nationalsozialismus rudimentär behandelt. Zu der stark eindimensionalen Geschichte über Hitler gesellten sich ein bis zwei passende Gedenkstätten. Soweit so gut. Zusammengefasst: Ich habe nicht viel von den Zusammenhängen überblickt, aber ich habe gelernt, dass Betroffenheit, Schuld und eine deutlich nach aussen getragene Fassungslosigkeit die richtige Reaktion ist. Ansonsten hab ich nicht allzuviel Verstanden. Wie auch mit 10 Jahren? Viel zu Jung um die Tragweite zu überblicken. Schaue ich nach etwa zehn Jahren zurück kann ich sagen, dass sich diese Vorgehensweise wiederholt hat. Immer und immer wieder. Mit einem einzigen Unterschied. Ich wurde älter, habe diese grausamen Verbrechen nach und nach verstanden, die Tragweite und die Erbarmungslosigkeit der Ereignisse erkannt. Ich bin bereit zu fühlen und ich war „politisch gebildet“. Aber warum stllen sich keine wahren Gefühle ein, die dem gesellschaftlich gefordertem entsprechen? Bin ich ein Unmensch weil ich nur Mitgefühl habe für die Opfer aber jegliche darüberhinausgehende Perspektive, die von einem Deutschen erwartet wird,  vermissen lassen?

Ich denke es ist gesellschaftlich gefordert, Schrecken zu empfinden. Es ist gefordert, Schuld zu empfinden. Es ist gefordert, Schahm zu erfinden. Das gehört zu dem Antlitz der Nachkriegsgesellschaft.

Bei mir sind andere Dinge eingetreten:  Auf der einen Seite ein analytisches Interesse an den wahren Geschehnissen. Auf der anderen Seite gewisse Fragen. Bin ich anders als die andern? Darf ich bei meinem historischen Hintergrund so denken? Denken viele wie ich und geben es nicht zu? Ist es falsch von dem oberflächlichen Blick auf die Thematik nahezu angeekelt zu sein?

Aber dieser Teil der deutschen Gesellschaft entzieht sich seit jahren jeglicher gesellschaftlich akzeptierten Kritik. Schweigen in Deutschland.

Mein Schlüsselerlebnis war ein Kindergartenkind, dass nach einem von Eltern organisierten Workshop über den Nationalsozialismus stolz folgende Worte in die Kamera gesprochen hat: „Hitler war ein böser Mann“.

Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich ihrer Mutter gratulieren möchte? Gratulieren zu einem Kind, dass nach dem Zeitgeist lebt.